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Singendes Estland

15-12-2009

Von Gautier Battistella
Estland, weniger mediatisiert als sein unmittelbarer Nachbar Litauen, war lange der unauffälligste baltische Staat. Jetzt aber hat das kleine Land beschlossen, die Stimme zu erheben, und zwar nicht nur eine, sondern viele. Denn in Estland geschieht alles mit Gesang, sogar die Revolution!

Stellen Sie sich ein Land vor, das so sauber ist, dass man es gar nicht erst wagt, den Rasen zu betreten, auf der Straße zu rauchen oder düstere Gedanken zu wälzen, aus Angst, die stille Harmonie durch einen Misston zu trüben. Stellen Sie sich ein Land vor, das so grün ist, dass man sich fühlt wie auf der Alm am Tag nach dem der Regen. Ein modernes Land, in dem W-Lan längst die traditionellen Internet-Cafés übertrumpft hat und in dem sich die Designer vor ihren skandinavischen Kollegen nicht zu schämen brauchen. In der Tat ist Estland voller Dynamik und hat weit weniger Schwierigkeiten, sich von dem belastenden sowjetischen Erbe zu befreien, als man es im Westen oft annimmt. Die Vergangenheit gehört der Erinnerung, die Zukunft der baltischen Stimme.
 
Alle fünf Jahre findet in Tallinn ein einzigartiges musikalisches Ereignis statt: das Sängerfest, zu dem sich über 100.000 Esten in der Hauptstadt einfinden, um unter freiem Himmel miteinander zu singen und zu feiern. Auf der Bühne, der so genannten Muschel, treten insgesamt 18.000 Sänger aus Chören des gesamten Landes auf, während auf der mit Regenschirmen gespickten Wiese das Publikum Kirschen oder Bohnenschoten knabbert. Geschubst und gedrängelt wird hier selbstverständlich nicht. Höflichkeit hat Vorrang. Blonde Kinder stimmen fröhlich in den Refrain ein und das gesamte Volk strahlt eine ruhige, gelassene Heiterkeit aus. Wer aber, fragt sich der Besucher, orchestriert diesen allgemeinen Frohsinn? Welches ist das Geheimnis des Landes der blauen Augen und der Blumen im Haar?
 
Vielleicht ist es die jugendliche Frische. Estland macht den Eindruck, als sei es grad erst vorgestern geboren. Die jüngere Geschichte hat am Stadtrand von Tallinn ihre Spuren hinterlassen. Verfallene, ungenutzte Schuppen, Wohnhäuser, von denen der Putz abbröckelt … das alles sind Überreste der Sowjetherrschaft, die man mit Absicht erhält. In Estland, das 1940 in die Sowjetunion eingegliedert wurde, begann der Befreiungsprozess mit der „Singenden Revolution“ von 1988, die letztendlich am 20. August 1991 zur Unabhängigkeit führte. Doch auch das Mittelalter ist präsent und prägt das Bild des von Festungsmauern umgebenen alten Tallinn, während die moderne Stadt die Vororte erobert.
 
Dank dieser Jugend hat Estland auch den Sprung ins ökologisch korrekte 21. Jh. vorbildlich gemeistert. Pilze sammeln ist nach wie vor ein Nationalsport, aber wehe dem, der versucht, Schnecken zu Verzehrszwecken zu züchten! Die Geldstrafe, die solchen Tierquälern droht, ist hoch genug, jedem französischen Gourmet den Appetit zu verderben. Hier in Estland ist diese Öko-Attitüde, die sich auch in einer gesunden Lebensweise äußert, allerdings kein Modetrend sondern Teil der traditionellen Lebenskunst. Auf dem Land, sei es in noch so entlegenen Gegenden, findet man nicht einen Bauernhof, der nicht mit einer Sauna ausgestattet wäre. Denn neben dem Gesang und den Tänzen, die den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft sichern, ist auch die Sauna in Estland ein Ritual, und noch dazu eines, dem sich auch der Besucher nur zu gerne unterzieht.
 
Bäder und Kuren
Die Esten nennen sie saun. Vor nicht ganz einem Jahrhundert kam man hier noch zur Welt. Heute wäscht und entspannt man sich dort. Saunas gibt es überall: in Hotels und Pensionen, auf Campingplätzen und bei Privatleuten. Die hölzernen Wände absorbieren die Feuchtigkeit und sorgen für ein trockenes Dampfbad. Die Wärme weitet die Poren, fördert die Durchblutung und befreit den Körper von Giftstoffen. Am schönsten ist natürlich die rustikale Ausführung in Form von einer wackeligen Holzhütte mitten im Wald. Anschließend springt man durch ein Loch im Eis in den See … und wenn das Ganze effizient sein soll, muss man die Prozedur zweimal hintereinander machen.
Als Besucher sollte man wissen, dass eine abendliche Einladung in die Sauna eine Ehre ist – sie abzulehnen wären unhöflich. Natürlich, man schwitzt dort nackt, aber immerhin ist der Sprung ins Eiswasser keine Pflicht. Doch auch wer moderne Wellnesseinrichtungen dem zünftigen Temperaturschock vorzieht, wird in Estland nicht enttäuscht: Zahlreiche Einrichtungen bieten Wasseranwendungen, Schlamm- und Kräuterbäder und Massagen an, an Orten, die seit Jahrhunderten für die Qualität ihrer Luft und ihres Wassers bekannt sind. Die Kurhotels der eleganten Küstenstädte Pärnu, Haapsalu und Kuressaare bieten ideale Möglichkeiten, Wellness und Outdoor-Aktivitäten zu verknüpfen.
 
Sammeln, eine estnische Leidenschaft
Seit Jahrhunderten durchstreifen die Esten von Mai bis Oktober die Wälder, um eimerweise Beeren und Pilze zu sammeln. Die Ausbeute wird in der Familie verbraucht oder auf dem Markt verkauft. Lassen Sie sich nach Möglichkeit von einem estnischen Bekannten begleiten, der die lokalen Pilze ganz einfach besser kennt als der Besucher aus dem Ausland. Ansonsten organisieren auch Ökotourismus-Anbieter Ausflüge zum Beeren- oder Pilzesammeln mit Führer für Touristen. Informationen dazu finden Sie auf www.maaturism.ee.

Praktische Hinweise

Besichtigen
Estnisches Freilichtmuseum
Vabaohumuuseumi tee 12
Tallinn
Auf einer Fläche von 84 Hektar wird in 11 Dörfern der Alltag der estnischen Landbevölkerung vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit nachgestellt. Diverse Vorführungen (Gesang, Workshops). Sehr interessant.
 
Unterbringung und Verpflegung
In Tallinn
Hotel Telegraaf
Im Herzen der Altstadt, das eleganteste Hotel von Tallinn. Raffinierte Küche mit baltischen Akzenten.
 
Auf der Insel Muhu
Padäste Manor(Luxury Resort & Spa)
Insel Muhu
Dieses wunderschöne Herrenhaus aus dem 16. Jh. auf der Insel Muhu bietet Luxus, Ruhe und Genuss. In der Küche stellt ein junger Koch sein Talent in den Dienst einer kreativen estnischen Jahreszeitenküche.

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