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Kreuzberg for ever
| 19-10-2009 Von Georges Rouzeau Zwanzig Jahre im Schatten der Mauer haben aus Kreuzberg die Hochburg der Berliner Alternativkultur gemacht, in der sich Anarchie und Hedonismus vereinen. Ein Bohème-Viertel, an dem der Gentrifizierungstrend vorerst noch vorübergegangen ist und in dem man so manche Nacht durchfeiern kann. Hinter dem Namen Kreuzberg verbergen sich in Wirklichkeit mehrere Stadtviertel, von denen ein jedes seine eigene Identität besitzt. Allerdings denkt man bei Kreuzberg natürlich zunächst an jenen kleinen Bereich mit dem Namen SO 36 (der ehemalige Postzustellbezirk Südost 36), der sich in den 70er Jahren zur Hochburg der Berliner Alternativszene entwickelte. 20 Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen, doch in Kreuzberg hat sich seither im Prinzip nicht viel verändert. Bereits vor dem Krieg war dieser im 19. Jh. entstandene Industrie- und Arbeiterbezirk, der erst recht spät nach Berlin eingemeindet wurde, ein wichtiges Zentrum der Berliner SPD. Tatsächlich hatte dieser Bezirk mit seinen vielen kleinen Industrie- und Handwerksbetrieben tausende Arbeiter aus Ostpreußen angezogen. Der sprunghafte Anstieg dieser neuen Stadtbevölkerung füllte die Mietskasernen, in denen sich oft 10-köpfige Familien ein Zimmer teilten. „Sachsengänger“, so nannte man damals die Landarbeiter, die im Zuge der industriellen Revolution massiv aus den ländlichen Regionen des Ostens nach Berlin zogen und dort ein neues Proletariat bildeten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dieser Bereich, der zusammen mit dem Stadtteil Mitte zahlreiche Institutionen des Dritten Reichs beherbergte, intensiv bombardiert. In der Zeit des Wiederaufbaus finden in den heruntergekommenen Altbauwohnungen, die den Bombenhagel überlebt haben, türkische Gastarbeiter Unterkunft. Sie lassen sich definitiv in Kreuzberg nieder und schaffen sich, was in der Türkei damals unmöglich war, dort eine Existenz, vom kleinen Gemüseladens bis hin zum Exportunternehmen, das ganz Europa mit Dönerfleisch versorgt. So wurde Kreuzberg zu Klein-Istanbul, mit Dönerbuden, die rund um die Uhr geöffnet sind und dem türkischen Markt am Maybachufer (Dienstag und Freitag), der nach wie vor einer der Höhepunkte des Wochenalltags der Kreuzberger ist. ![]() © G. Rouzeau/ViaMichelin 1961 trug der Bau der Mauer, die Kreuzberg auf drei Seiten umschloss, noch etwas mehr dazu bei, dass dieser Teil von Berlin die Züge eines Ghettos für sozial Benachteiligte annahm. Wer es sich leisten konnte, zog in westlichere Stadtteile, so dass wieder andere Randgruppen, gesellschaftliche Außenseiter und sonstige Idealisten nachrücken konnten. Darunter auch die Künstler. Ihr Anlaufpunkt war die 1959 gegründete Galerie Zinke in der Oranienstraße, in der manchmal auch Günter Grass anzutreffen war. Dabei kamen nicht nur die niedrigen Mietkosten (soweit die Häuser nicht ohnehin besetzt waren) den Künstlern und Kreativen gelegen, sondern auch eine Besonderheit der Kreuzberger Architektur: die so genannten Gewerbehöfe. Letztere vereinen, hinter einer recht biederen Fassade, Wohnungen für Kleinbürger mit bescheidenem Einkommen sowie eine Vielzahl von Hinterhöfen mit Arbeiterwohnungen und natürlich Werkstätten. Heute ist es ein echtes Vergnügen, durch diese Höfe zu schlendern, deren Fassaden mit grünen und weißen Kacheln verkleidet sind. Mit etwas Glück stößt man auf die letzen Beispiel von Toiletten aus dem 19. Jh, kleine Häuschen aus Backstein und Holz. Häufiger jedoch sind die Remisen (wie in der Hausnummer°15 in der Adalbertstraße), hinter deren großen Holztoren die Bewohner auch ihre Autos abstellen können – soweit vorhanden, denn hier in Kreuzberg ist man alternativ, umweltbewusst und nicht selten pleite (die Arbeitslosenquote ist die höchste in ganz Berlin), d.h. man fährt Fahrrad oder geht zu Fuß. ![]() © G. Rouzeau/ViaMichelin In ihrer vollen Dynamik brach die kreative Vitalität von Kreuzberg in den 70er und 80er Jahren hervor. In dieser Zeit konnte man dort auch Iggy Pop und David Bowie begegnen. Letzterer hatte das Ziggy-Stardust-Kostüm endgültig an den Nagel gehängt und in Berlin eine musikalische Askese begonnen, aus der eines seiner besten Alben hervorging: Heroes, Ausdruck seiner Faszination für die deutsche Elektro-Musik und der fruchtbaren Zusammenarbeit mit einem weiteren Berlin-Fan, Brian Eno. Beide waren eine zeitlang Stammgäste im Klub SO 36, der in diesem Jahr 30. Jubiläum feiert. Im Gegensatz zur Mauer steht dieser legendäre Konzertsaal noch heute, obwohl ihm mehr als einmal wegen nächtlicher Ruhestörung die Schließung gedrohte hatte. Die extrem lebendige Berliner Punk-Bewegung schmiedete hier ihre ersten Waffen, insbesondere die Kreuzberger Band Einstürzende Neubauten, gegründet von Blixa Bargeld, der parallel zur eigenen Band ein langjähriger Weggefährte eines weiteren berühmten Ex-Kreuzbergers war: Nick Cave. Heute funktioniert das SO 36 nicht wie ein kommerzieller Konzertsaal, sondern als eingetragener Verein, der kulturelle Interessen verfolgt. Das Programm reicht von Gay-Orientalpop (Gayhane, am letzten Samstag im Monat) über harten Rock bis hin zu Techno und Reggae. Sonntagabends verwandelt das Café Fatal den großen Saal des SO 36 in einen Gesellschafts-Tanzboden für Profi- und Hobbytänzer. Eine andere Hochburg der Kreuzberger Kulturszene ist das ehemalige Diakonissen-Krankenhaus Bethanien. Hinter der schönen Backsteinfassade verbergen sich Künstlerateliers und Galerien, die das ganze Jahr über öffentliche Vernissagen organisieren. Ansonsten erwartet den Besucher in Kreuzberg die ideale Laid-Back-Atmosphäre. Kleine Kneipen, Restaurants mit Spezialitäten aus der ganzen Welt, Bio-Imbisse, Klamotten- und Secondhandläden, Kunstgalerien, alternative Buchläden und diverse Kulturzentren laden zum Flanieren ohne Ende ein. Praktische HinweiseSO36 Oranienstraße 190 U1 Kottbusser Tor Möbel Olfe (Bar) Reichenberger Str. 177 Eine der angesagtesten Kneipen in Kreuzberg, insbesondere in der Schwulen- und Lesbenszene, aber nicht ausschließlich. Wie der Name andeutet, handelt es sich um eine ehemalige Möbelfabrik, untergebracht in einem Plattenbau an der U-Bahn-Station Kottbusser Tor. Die Bedienung beschränkt sich aufs Wesentliche, die Musik ist gut und das Bier unschlagbar preiswert. Burgermeister Oberbaumstraße 8 10997 Berlin Was früher ein grünes Jugendstil-Toilettenhäuschen im Pariser Stil war, ist heute der beste Burger-Imbiss in Berlin: Gekonnt gegrillt, mit Zwiebeln und frischem Salat, eingebettet in lecker weiches Burgerbrötchen (ab 3,20 €). Man nimmt sich sein Getränk aus dem Kühlschrank, zahlt und wartet, bis man (bzw. die Nummer auf dem Ticket) an die Reihe kommt. Deutsche Zentrale für Tourismus e.V. Berlin Tourismus Marketing GmbH Am Karlsbad 11 D-10785 Berlin www.visitBerlin.de Tel.: +49 (0)30 25 00 25 Berlin Welcome Card Mit dieser Karte kann man alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und hat zugleich ermäßigten Eintritt in allen Museen. Hotel Riehmers Hofgarten Yorckstraße 83 10965 Berlin Tel. +49 (0)30-780 98 800 Dieses Hotel im westlichen Teil von Kreuzberg, nur ein paar Metrostationen vom alternativen Kreuzberg entfernt, befindet sich in einem wunderschönen Gebäude aus wilhelminischer Zeit. Es bietet sehr geräumige, moderne, gut isolierte Zimmer, die die laute Yorckstraße vergessen lassen. Manche der Zimmer gehen auf den Hofgarten hinaus, eine Abfolge ruhiger, grüner Höfe mit großen Bäumen, reich verzierten Fassaden und Portalen im Neorenaissance-Stil. Das Hotel ist nur wenige Minuten von der Bergmanstrasse entfernt, dem Zentrum des schicken Kreuzberg, mit Cafés, Restaurants, Trödelläden und Fahrradgeschäften. |


